Echt sein statt nett sein?!

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Eine kleine Entschuldigung mit großer Wirkung

Vor ein paar Tagen antwortete ich einer Freundin auf eine Textnachricht per Sprachnachricht. Gleich zu Beginn entschuldigte ich mich für meine etwas späte Antwort. Ihre Reaktion überraschte mich: Ich solle mich bitte nicht dafür entschuldigen. Wir hätten schließlich alle viel zu tun, und sie möchte nicht, dass ich mich unter Druck gesetzt fühle, schnell antworten zu müssen. Sie nehme es nicht persönlich, es sei völlig in Ordnung. Sie wolle bewusst den Druck herausnehmen.

Ich stutzte zunächst und überlegte: Ja, ich hatte ein etwas schlechtes Gewissen, da es um eine Terminsache ging. Und ja, die verspätete Rückmeldung hatte dieses Gefühl verstärkt. Aber hatte es mich tatsächlich gestresst?

Zwischen Erwartung und Erreichbarkeit

Keine große Sache – und doch ein Thema, das viele bewegt, gerade in Zeiten des überwiegenden Gebrauchs von Messengerdiensten. Wann reagiere ich auf eine Nachricht? Wer erwartet von mir eine Antwort und innerhalb welcher Zeit?

Hier soll es jedoch nicht um den Umgang mit neuen Medien gehen, sondern um die Art, wie wir miteinander kommunizieren. Es war nett von mir, mich zu entschuldigen. Aber worum ging es hier wirklich? War das nicht wieder ein Automatismus – gut gemeint, aber eigentlich unnötig?

„Mach dir keinen Stress“ – wirklich?

In den nächsten Tagen sprach ich darüber mit zwei weiteren Freundinnen. Beide bestätigten mir, dass sie einen entspannten Umgang mit dem Beantworten von Nachrichten hätten. Ich solle mir „keinen Stress machen“. Aha, dachte ich – wieder dieses große Wort. Und gingen die anderen tatsächlich so gelassen mit dem Schreiben und Antworten von Mitteilungen um?

Der Versuch auszusteigen

Vor ein paar Jahren wagte ich es, meinen WhatsApp-Account zu löschen. Ich ahnte nicht, welche heftigen Reaktionen das auslösen würde. Es gab viel Unverständnis und zahlreiche Diskussionen über das Warum und Weshalb – obwohl ich weiterhin über zwei andere Messenger-Dienste erreichbar war. Tatsächlich entstanden kleinere Konflikte, die ich zu akzeptieren versuchte und in denen ich mich selbst aufmerksam beobachtete. Häufig war mein Bedürfnis nach Verbundenheit in diesen Momenten nicht gestillt, da ich zum Beispiel in einigen WhatsApp-Gruppen nicht mehr dabei war. Austausch und aktuelle Themen zogen an mir vorbei, sodass ich auch bei realen Treffen an bestimmten Inhalten nicht anknüpfen konnte.

Achtsamkeit als Schlüssel für wertschätzende Kommunikation

Diese Situationen waren nicht einfach für mich, aber sie wurden zu einer wertvollen Achtsamkeitsübung. Denn um Konflikte oder kleinere Streitigkeiten konstruktiv zu lösen, hilft eine achtsame Haltung, die wiederum eine wertschätzende Kommunikation unterstützt. Meine Gedanken und Gefühle zuzulassen, ohne sie zu bewerten, ermöglicht mir, meinem Gegenüber respektvoll zu begegnen – und stärkt letztlich die Beziehung.

Echt sein statt nett sein

Rückblickend wurde mir klar, dass es in all diesen Situationen weniger um die Messenger als Kommunikationsinstrumente selbst ging, sondern vielmehr um meine innere Haltung: um Erwartungen, Gewohnheiten und den Wunsch nach Harmonie.

Dieser Gedanke greift die Kernidee der Gewaltfreien Kommunikation (gfK) von Marshall Rosenberg auf: Es geht nicht darum, immer „nett“ zu sein oder Konflikte zu vermeiden, sondern authentisch zu kommunizieren. Echte Kommunikation bedeutet, eigene Gefühle und Bedürfnisse klar auszudrücken, gleichzeitig empathisch zuzuhören und so Verbindung zu schaffen. „Echt sein statt nett sein“ bringt diese Haltung auf den Punkt: nicht bloß angepasst reagieren, sondern ehrlich und bedürfnisorientiert im Kontakt sein.

Übung: Innehalten vor dem Antworten

Bevor ich auf eine Nachricht reagiere, halte ich nun immer öfter einen kurzen Moment inne und frage mich:

Warum antworte ich gerade? Will ich jetzt antworten oder vielleicht lieber später?

Wenn ich jetzt antworte, ist es aus echtem Kontaktbedürfnis heraus – oder aus Pflichtgefühl, schlechtem Gewissen oder dem Wunsch, „nett“ zu sein?

Manchmal reicht schon ein bewusster Atemzug, um wahrzunehmen, was gerade in mir los ist. Diese kleine Pause hilft mir, meine Antwort stimmiger zu formulieren – ehrlicher, klarer und ohne mich selbst unter Druck zu setzen. So entsteht Kommunikation, die nicht aus einem Automatismus heraus passiert, sondern aus echter Präsenz.

Übrigens: Die Rückmeldung meiner Freundin hat mich tatsächlich entlastet. Ich weiß nun einmal mehr, dass sie sich über Antworten freut – aber zu meiner Zeit und in meinem Tempo. Und das ist völlig in Ordnung.

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