Mindful or mind full?

Inhaltsverzeichnis

Ich erinnere mich noch gut an die Fahrt zu meinem ersten Achtsamkeitsseminar. Eine ganze Woche sollte es dauern, in einem Kloster an der Mosel. Knapp 500 Kilometer lagen vor mir – und ebenso gemischte Gefühle. Einerseits freute ich mich auf eine Auszeit, weit weg vom Arbeitsalltag, ganz für mich. Andererseits war da auch Skepsis: Welche Menschen würde ich dort treffen? Und hatte Achtsamkeit vielleicht doch etwas mit Esoterik zu tun – ohne dass ich genau hätte benennen können, wovor ich eigentlich Angst hatte?

Rückblickend kann ich sagen: Es wurde eine durch und durch positive, ja wegweisende Erfahrung.

Wenn der Kopf auf Effizienz getunt ist

Jeden Morgen starteten wir mit einer 30-minütigen Gehmeditation. Bewegung, Natur – eigentlich genau mein Ding. Und doch meldete sich mein auf Effizienz trainierter Geist bereits am ersten Tag zu Wort: Ob dieses Zeitfenster „nur fürs Gehen durch die Landschaft“ nicht ein bisschen zu großzügig bemessen sei?

Ich ertappte mich immer wieder beim Bewerten und Vergleichen. Eine ganz normale Reaktion unseres Gehirns, wie ich erst viel später verstand. Trotz dieser automatisch ablaufenden Prozesse lösten die Seminarinhalte, die Reflexionen zu zweit und in der Gruppe – und vor allem der Tag im Schweigen – etwas in mir aus: Neugier. Interesse. Ein deutliches Gefühl von Mehr-davon-haben-wollen.

Kloster Springiersbach bei Sonnenschein mit Bäumen – Atmosphäre der Gehmeditation während Achtsamkeitswoche.

Am Ende der Woche fühlte ich mich mental erfrischt, energiegeladen und gleichzeitig ruhig. Heute würde ich es so beschreiben: Ich war ganz bei mir. Die Sehnsucht war geweckt.

Diese Erfahrungen begleiteten mich noch lange und wurden im Rahmen eines nachfolgenden
8-wöchigen MBSR-Kurses weiter ausgebaut. Nach und nach bemerkte ich, wie sich kleine Momente der Präsenz im Alltag auswirkten – beim konzentrierten Arbeiten oder im Umgang mit Kolleg:innen oder beim Zusammensein mit meinem Partner. Diese Veränderungen waren subtil, aber spürbar – und genau solche kleinen Wirkungen sind es, die die Wissenschaft in den letzten Jahren intensiv untersucht hat.

Was Achtsamkeit bewirken kann

In den vergangenen etwa 15 Jahren hat sich auch die Forschung intensiv mit der Wirkung von Achtsamkeitsmeditation beschäftigt. Die Ergebnisse legen nahe, dass sie Einfluss auf drei eng miteinander verbundene Bereiche nimmt:

  1. sie stärkt die Aufmerksamkeitsregulation,
  2. sie verbessert die Emotionsregulation und
  3. sie bewirkt Veränderungen im Selbsterleben.

(vgl. Hölzel: Mechanismen der Achtsamkeit. Psychologisch-neurowissenschaftliche Perspektiven)

Diese Komponenten greifen ineinander und ermöglichen es uns, unser Erleben und unser Verhalten bewusster zu steuern.

Vom Gedankenkarussell zur Gelassenheit

Ein Achtsamkeitstraining kann helfen, vom Zustand eines schnell rotierenden Gedankenkarussells – voll mit Terminen, To-do-Listen, Entscheidungen und Bewertungen – in einen Zustand von mehr Gelassenheit zu kommen. Einen Zustand, in dem wir uns nicht ständig mit unseren Gedanken identifizieren, Vergangenes wiederkäuen oder gedanklich in der Zukunft leben.

Achtsamkeit zeigt sich zum Beispiel dann, wenn ich statt „Ich muss vor dem Wochenende noch unbedingt … erledigen!“ denke: „Ja – aber jetzt spiele ich mit meinen Kindern.“

Oder wenn ich den grübelnden Gedanken wahrnehme: „Wie hat mein Chef das heute Vormittag wohl gemeint …?“ und mir erlaube zu denken: „Darauf habe ich gerade keine Antwort. Jetzt genieße ich die frische Luft und das Grün der Bäume bei meinem Hundespaziergang.“

Gedanken gehören dazu – Bewusstheit auch

Natürlich holen uns Gedanken immer wieder ein. Unser Gehirn bewertet, plant und organisiert – und sichert damit unser Überleben. Entscheidend ist nicht, diese Prozesse abzustellen, sondern sie zu bemerken.

Genau hier setzt Achtsamkeitsmeditation an. Sie hilft uns, innezuhalten, wahrzunehmen und bewusster zu wählen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten. Auf diese Weise kultivieren wir nach und nach einen gesunden Geist – und schaffen die Grundlage für mehr Zufriedenheit und innere Erfüllung. Nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt.

Achtsamkeit im ganz normalen Arbeitstag

Oft höre ich den Einwand: „Das klingt gut – aber im Arbeitsalltag ist dafür einfach keine Zeit.“ Und tatsächlich ist Achtsamkeit nicht immer dann leicht, wenn der E-Mail Posteingang überquillt, Termine dicht getaktet sind und die innere Anspannung langsam wächst.

Achtsamkeit beginnt jedoch nicht erst auf dem Meditationskissen. Sie zeigt sich in kleinen Momenten zwischen zwei Aufgaben: in dem bewussten Einatmen, bevor ich das nächste Meeting betrete. In dem kurzen Innehalten, bevor ich auf eine E-Mail antworte. Oder in der Entscheidung, für zwei Minuten aufzustehen, die Schultern zu bewegen und den Blick aus dem Fenster schweifen zu lassen.

Diese scheinbar unspektakulären Unterbrechungen haben eine große Wirkung. Sie helfen dem Nervensystem, sich immer wieder zu regulieren, statt dauerhaft im Alarmmodus zu bleiben. Konzentration wird klarer, Reizbarkeit nimmt ab, und auch Entscheidungen fallen oft leichter.

Achtsamkeit bedeutet in diesem Kontext nicht, weniger zu leisten – sondern präsenter zu sein bei dem, was gerade ansteht. Und genau darin liegt für viele eine spürbare Entlastung.

Ein sanfter Perspektivwechsel

Vielleicht ist Achtsamkeit weniger die Frage danach, ob unser Geist voll oder leer ist. Sondern vielmehr eine Einladung, immer wieder zu prüfen:
Bin ich gerade ganz hier – oder schon drei Schritte weiter?

Manchmal genügt ein kurzer Moment des Innehaltens, ein bewusster Atemzug oder ein klarer Entschluss für das Jetzt. Und genau dort beginnt Veränderung.

Inhaltsverzeichnis

Weitere Beiträge lesen:

Anmeldung zum
Achtsam-Letter

Tragen Sie hier Ihre E-Mail ein zur Anmeldung zu meinem Newsletter.