Was Führungskräfte vom Loslassen lernen können

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Vor einigen Wochen saß ich in einem Resilienztraining mit einer Gruppe von Führungskräften. Wir sprachen über den Resilienzfaktor Zukunfts- und Lösungsorientierung und darüber, wie Menschen auch in schwierigen Situationen handlungsfähig bleiben können.

Irgendwann stellte eine Teilnehmerin eine Frage, die den Raum für einen Moment still werden ließ:

„Wie soll ich nach vorne schauen, wenn ich noch so mit dem beschäftigt bin, was schiefgelaufen ist?“

Eine gute Frage.

Denn wenn wir über Zukunfts- und Lösungsorientierung sprechen, denken wir häufig an Visionen oder positive Zukunftsbilder. Doch in meiner Arbeit als Coach und Trainerin erlebe ich immer wieder: Der erste Schritt in Richtung Zukunft ist oft nicht das Planen.

Sondern das Loslassen. Vielleicht kennen Sie ja die folgende Geschichte.

Die Geschichte vom alten und jungen Mönch

Zwei Mönche begegnen an einem Fluss einer jungen Frau, die Angst hat, das Wasser zu überqueren. Der ältere Mönch trägt sie auf die andere Seite und setzt sie dort wieder ab.

Der jüngere Mönch schweigt.

Stundenlang.

Am Abend kann er sich nicht länger zurückhalten:

„Warum hast du das getan? Uns Mönchen ist es nicht erlaubt, Frauen zu berühren.“

Der alte Mönch antwortet:

„Ich habe die Frau am Fluss zurückgelassen. Aber du – trägst du sie noch immer?“

Diese Geschichte begleitet mich seit vielen Jahren. Vielleicht deshalb, weil ich mich selbst immer wieder darin wiederfinde.

Loslassen gehört für mich zu den herausforderndsten Übungen überhaupt. Nicht, weil mir die Einsicht fehlt. Sondern weil manche Enttäuschungen, Konflikte oder Vorstellungen davon, wie etwas hätte sein sollen, erstaunlich hartnäckig sind.

Auch in Coachings begegnet mir dieses Thema regelmäßig.

Resilienz im Unternehmen: Was wir gedanklich mit uns herumtragen

Da ist die Führungskraft, die sich noch Monate später über ein Gespräch ärgert, das schlecht gelaufen ist.

Der Personaler, der nach einer Fehlbesetzung bei jeder neuen Bewerbung vor allem Risiken sieht.

Oder die Teamleiterin, die gedanklich immer wieder zu einem Konflikt zurückkehrt, obwohl längst Lösungen gefunden wurden.

Natürlich ist es sinnvoll, Erfahrungen auszuwerten und aus Fehlern zu lernen.

Problematisch wird es dann, wenn die Vergangenheit dauerhaft unsere Aufmerksamkeit bindet.

Denn unsere mentale Energie ist begrenzt.

Was wir gedanklich festhalten, steht uns für die Gestaltung der Zukunft nicht mehr vollständig zur Verfügung.

Führungskräfteentwicklung: Warum Loslassen keine Schwäche ist

Führungskräfte erleben häufig den Druck, alles richtig machen zu müssen.

Doch Führung bedeutet Entscheidungen treffen – und damit auch die Möglichkeit, Fehler zu machen.

Ich beobachte zudem immer wieder, dass gerade junge Führungskräfte besonders streng mit sich selbst sind.

Sie analysieren vergangene Entscheidungen immer wieder neu:

Hätte ich früher reagieren müssen?

War meine Kommunikation klar genug?

Habe ich die richtige Person ausgewählt?

Diese Reflexion kann hilfreich sein.

Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem sie keinen zusätzlichen Erkenntnisgewinn mehr bringt.

Ab diesem Moment kostet sie nur noch Energie.

Loslassen bedeutet deshalb nicht, Verantwortung abzuschieben.

Es bedeutet, das Gelernte mitzunehmen und gleichzeitig anzuerkennen, dass die Vergangenheit nicht mehr verändert werden kann.

Recruiting und Personalentwicklung: Der Blick auf Potenziale

Auch im Recruiting zeigt sich die Bedeutung von Zukunfts- und Lösungsorientierung.

Nach einer Fehlbesetzung entsteht verständlicherweise der Wunsch, Risiken künftig zu vermeiden.

Doch manchmal führt genau das dazu, dass wir Bewerber vor allem durch die Brille vergangener Erfahrungen betrachten.

Dann suchen wir weniger nach Potenzialen als nach dem Ausschluss möglicher Fehler.

Die Folge:

Wir treffen Entscheidungen aus Vorsicht statt aus Entwicklungsperspektive.

Zukunftsorientierung bedeutet hier, Erfahrungen ernst zu nehmen, ohne von ihnen gefangen zu werden.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

„Wie verhindern wir, dass sich die Vergangenheit wiederholt?“

Sondern:

„Welche Zukunft möchten wir gestalten?“

Gesunde Führung beginnt im Kopf

Vielleicht ist das die eigentliche Botschaft des Resilienzfaktors Zukunfts- und Lösungsorientierung:

Wir können die Vergangenheit würdigen, ohne dauerhaft in ihr zu leben.

Wir können Fehler anerkennen, ohne uns über sie zu definieren.

Und wir können Erfahrungen mitnehmen, ohne sie ständig weiterzutragen.

Die Geschichte der beiden Mönche erinnert mich immer wieder daran.

Denn oft tragen wir nicht die tatsächliche Situation mit uns herum.

Sondern unsere Gedanken darüber.

Die Zukunft beginnt deshalb nicht erst morgen.

Sie beginnt in dem Moment, in dem wir entscheiden, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten.

Oder anders gesagt:

Zukunft entsteht dort, wo wir aufhören, die Vergangenheit festzuhalten.

Neugierig geworden?

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